Ende der Liebe in Offenen Beziehungen

Es gilt ein Grundsatz, der für alle Beziehungsformen gleich ist: Du darfst eine Beziehung jederzeit beenden. Du bist niemandem „Beziehungsdauer“ schuldig. Wenn sich eine Verbindung für dich nicht mehr stimmig, sicher oder gesund anfühlt, darfst du gehen – das ist ein wichtiger Teil von Selbstschutz und Autonomie. Gleichzeitig ist Trennung ein sensibles Thema. In nicht-monogamen Beziehungsformen zeigt sich leider häufig, dass Beziehungen schneller beendet oder leiser verlassen werden. Warum?

Offene Beziehungen – weniger wert?

In nicht-monogamen Konstellationen gibt es oft unterschiedliche Ebenen von Beziehungen: eine langjährige „Hauptbeziehung“, weitere Beziehungen, Freundschaften mit gewissen Extras und losere Bekanntschaften. Diese Abstufung kann – bewusst oder unbewusst – dazu führen, dass manche Beziehungen als „weniger Wert“ behandelt werden. Es wird schneller beendet, weniger erklärt, weniger Verantwortung übernommen. Nach dem Motto: „Es war ja nur eine offene Geschichte“ oder „Die Person wusste ja, worauf sie sich einlässt“.

Fakt ist: Eine Beziehung ist eine Beziehung. Da sind Gefühle, Bindung und Verletzlichkeit. Menschen investieren Zeit, es entstehen Emotionen, Intimität und gemeinsame Biografie – auch wenn kein klassisches Paarmodell gelebt wird. Wird eine solche Beziehung abrupt, ohne Gespräch oder nur mit einer knappen Nachricht beendet, bleibt häufig ein Gefühl starker Entwertung zurück. Betroffene fühlen sich hintergangen, getäuscht, oft schlicht verarscht. Dass ein solches Ende von einem Menschen kommt, den sie womöglich sehr geliebt haben, hinterlässt eine Schneise der Verwüstung, in der auch Selbstzweifel hochkommen, die die Heilung zusätzlich erschweren.

Schluss machen statt reden – ein Muster unserer Zeit

In vielen dieser Trennungen zeigt sich ein Muster: Es wird nicht wirklich miteinander gesprochen. Stattdessen wird innerlich bereits abgeschlossen, Abstand genommen, Rückzug praktiziert, emotional „gekündigt“ – und irgendwann kommt ein kurzer Schlussstrich, der das Gegenüber aus allen Wolken fallen lässt. Zurück bleiben Schmerz und eine grosse Enttäuschung darüber, nicht in ein Gespräch einbezogen worden zu sein, in dem man hätte mitreden können.

In einer Kultur, in der viele Menschen unangenehme Gespräche eher vermeiden, ist es verlockend, sich leise herauszuziehen, statt gemeinsam hinzuschauen. Schluss zu machen, ohne ehrlich zu reden, hinterlässt jedoch immer Spuren – bei beiden Personen.

Selbstverwirklichung über alles

In offenen Konstellationen werden Beziehungen manchmal beendet, weil eine andere Verbindung wichtiger geworden ist, weil die eigenen Gefühle zu komplex erscheinen, weil Überforderung da ist oder weil Angst vor echter Auseinandersetzung besteht. Es ist einfacher, einen Kontakt zu kappen, als sich verletzlichen Fragen zu stellen.

Wir leben in einer Zeit, in der Selbstverwirklichung einen hohen Stellenwert hat. Eigene Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen zu kennen, ist wertvoll – gerade in offenen Beziehungen, in denen es viel um Autonomie, Freiheit und individuelle Entfaltung geht. Schwierig wird es dort, wo die Selbstverwirklichung nicht mehr mit Verantwortung und Verbindlichkeit in Beziehungen auf Augenhöhe steht. Lebensentwürfe, Verpflichtungen und manchmal eben auch Beziehungen bleiben zugunsten der Selbstverwirklichung auf der Stecke. Dabei sind Selbstverwirklichung und Beziehungsverantwortung keine Gegensätze. Man kann auf sich schauen und Grenzen setzen – und gleichzeitig sorgsam damit umgehen, wie die Entscheidungen auf andere, insbesondere Partner*innen, wirken.

Ein respektvoller Abschied – auch in offenen Beziehungen

Schluss machen ist keine Technik, die man perfekt beherrschen kann. Es bleibt ein schmerzhafter Prozess. Trotzdem gibt es Haltungen, die einen Unterschied machen. Nicht einfach zu verschwinden ist eine davon. Gerade in offen gelebten Beziehungen, in denen klare Kommunikation und Ehrlichkeit so wichtig sind, sind Gespräche und ein bewusster Abschluss wesentliche Teile dieser gelebten Haltung. Hilfreich ist es, klar zu benennen, worum es geht. So hat das Gegenüber die Möglichkeit, das Geschehen einzuordnen, statt im Kopf endlos nach Erklärungen suchen zu müssen und vielleicht auch, sich einzubringen, solange noch etwas zu verhandeln wäre. Und wenn nicht, sich wenigstens Gehör zu verschaffen und angehört zu werden. Ein respektvoll geführtes Trennungsgespräch nimmt den Schmerz nicht weg, kann aber verhindern, dass zusätzliche Verletzungen entstehen, die lange nachwirken.

Als Coach würde ich es so formulieren: Ja, du darfst jederzeit Schluss machen. Und nein, es ist nicht egal, wie du es tust. Es geht um Verantwortung füreinander – gerade dann, wenn ihr euch entscheidet, getrennte Wege zu gehen. Nicht jede Verbindung kann oder soll „für immer“ halten. Aber jede Verbindung verdient Respekt, Fairness und Klarheit.

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