Polyamorie.ch: Wie denkst du über Polyamorie?
Fabio: Polyamorie ist mehr als eine wunderbare Beziehungsform: Bereichernd und herausfordernd zugleich, stellt sie Freiheit, Liebe und persönliche Entwicklung ins Zentrum. Nicht immer einfach, aber tief erfüllend für jene, die bereit sind, sich selbst und anderen mit Offenheit, Verantwortung und Achtsamkeit zu begegnen. Ein Weg, der Mut verlangt und die Chance bietet, Liebe in ihrer Vielfalt zu leben, jenseits gesellschaftlicher Normen.
Haben Menschen die polyamore Beziehungen eingehen, einfach noch nicht «den einen Richtigen / die eine Richtige» gefunden?
Das ist ein monogamer Gedanke. Es geht nicht darum «den einen Richtigen / die eine Richtige» zu finden. Polyamor lebende Menschen möchten ihre Liebe nicht nach einem gesellschaftlich vorgegebenen Schema der Monogamie ausleben. Sie möchten selber entscheiden, welche Beziehungsform sie leben und wie sie ihre Beziehungen gestalten. Monogamie – in welcher «den einen Richtigen / die eine Richtige» gesucht wird – ist für sie einfach nicht die passende Form.
Denkst du jede*r könnte polyamor sein?
Ja, jede*r könnte polyamor sein. Die Frage ist mehr, ob das alle wollen und es passen würde. Das wiederum bezweifle ich sehr. Für die meisten Menschen ist die Monogamie aus verschiedenen Gründen weiterhin die Beziehungsform der Wahl. Und das ist auch gut so. In der Polyamorie geht es nicht darum, Menschen davon zu überzeugen, auch polyamor zu leben.
Will Polyamorie lediglich Trennungen umgehen?
Es gibt Partnerschaften, in denen es nicht rund läuft. Sich dann dazu zu entscheiden, die Beziehung zu öffnen und weitere Liebesbeziehungen zu erlauben, kann in seltenen Fällen die Beziehung tatsächlich retten. Ich kenne einen solchen Fall. Meine Erfahrung ist aber eher, dass dies ein Beschleuniger für das Beziehungsende ist. Die Öffnung der Beziehung bedarf einer soliden Basis, in welcher Vertrauen vorhanden ist und eine gute und offene Kommunikation stattfinden kann.
Und was, wenn ein*e Partner*in mehr will als ich?
Passiert immer wieder. Jemand will sich öfters treffen, engeren Kontakt, mehr gemeinsame Ferien usw. Letzten Endes muss ein Kompromiss gefunden werden, mit welchem alle Beteiligten leben können.
Geht es polyamoren Menschen nur darum mehr Sex zu haben?
Polyamore Menschen möchten grundsätzlich Liebesbeziehungen führen. Sex ist da eine mehr oder weniger relevante Komponente. Steht aber eher nicht im Vordergrund. Es gibt sicher einfachere Wege, um mehr Sex zu haben, als Polyamor zu leben.
Was ist (für dich) der grösste Nachteil der Polyamorie?
Die Grössten sind meiner Meinung nach sicherlich die Zeit, der Umgang mit Gefühlen und die Organisation mit den Liebsten, vor allem wenn viele Personen (auch noch mit kleinen Kindern) beteiligt sind. Mehrere Liebesbeziehungen führen zwangsläufig zu mehr Herausforderungen.
Was ist (für dich) der grösste Vorteil der Polyamorie?
Für mich liegt das Schöne darin, verschiedene Menschen kennen zu lernen und mit ihnen auf unterschiedliche Weise Verbindungen gestalten zu können – ohne dass bestehende Beziehungen dafür enden müssen. Das ist sehr erfüllend und bereichernd.
Wollen polyamore Menschen einfach «alles haben» bzw. kriegen nie genug?
Polyamor lebende Menschen müssen nicht aufgrund von Einschränkungen aus dem Beziehungsmodell heraus auf weitere Beziehungen verzichten. Das kann bei monogam lebenden Menschen den Eindruck erwecken, sie wären unersättlich.
Wie kommt man dazu polyamor zu leben? Wie war das bei dir?
Meine Partnerin und ich hatten ein Gespräch über Treue und was es für uns bedeuten würde, wenn wir beispielsweise mit anderen flirten oder intim werden würden. Kurz: Es bedroht unsere Partnerschaft nicht. Wir wollen zusammen sein, aber auch unsere Freiheit als Individuen geniessen. So ist das nun seit 15 Jahren und wir sind sehr happy damit.
Wem in deinem Umfeld erzählst du, dass du poly lebst? Wem nicht?
Mittlerweile wissen es alle. Ganz lange wussten es nur die engsten Freunde. Die Akzeptanz ist eher tief und ich finde, man sollte sich – trotz aller Euphorie – Gedanken machen, mit wem man diese Information teilt. Es kann schon ziemlichen Gegenwind geben.
Wie gehst du mit Eifersucht um?
Eifersucht hat mich an meine psychischen Grenzen gebracht und mir gezeigt, wie verletzlich ich sein kann. Gleichzeitig hat sie mich dazu gezwungen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen und innerlich zu wachsen. Rückblickend war es ein steiniger, aber unglaublich wertvoller Weg. Wichtig ist, dass man immer dran bleibt und sich über den Umgang mit Eifersucht Gedanken macht.
– Fabio Marti
